Eine Auswahl unserer Standpunkte und Verlautbarungen

1. Wissenschaft - was ist das?

2. Erklärung zur Islam-Debatte in Deutschland

3. Atheismus als Grundlage des Humanismus Teil I und II

4. Das Ende des Relativismus

5. Zum (gesellschafts)-politischen Standpunkt der GBS Regionalgruppe Rhein-Neckar


Wissenschaft - was ist das? 

Veröffentlicht auf hpd am 10.06.2020

Aufgrund der Corona-Krise steht die Wissenschaft aktuell so sehr im gesellschaftlichen Fokus wie noch selten zuvor. Zudem steht sie ungerechtfertigt in der Kritik. Ein Großteil der Kritik beruht auf zwei grundsätzlichen Missverständnissen. Zum einen werden Wissenschaftler und Wissenschaft oft gleichgesetzt und verwechselt. Und zum anderen fehlt es zuweilen an einem Verständnis, was man unter Wissenschaft versteht und wie sie funktioniert.

Menschen, die mit der Wissenschaft in ihrem alltäglichen Leben wenig bis nichts zu tun haben, übertragen das, was sie von Wissenschaftlern hören, sehen und lesen, in ihre eigene gewohnte Erlebnis- und Erfahrungswelt. Dabei kommt es fast zwangsläufig zu falschen Annahmen über Wissenschaft, was sie leistet und was sie leisten kann.

Begünstigt werden die Fehlannahmen dadurch, dass in beiden Welten, der Welt der Wissenschaft und der Welt des gesellschaftlichen Alltags, zwar zum Teil die gleichen Begriffe verwendet werden, aber sie in den beiden Welten vollkommen unterschiedliche Bedeutungsinhalte haben. Als Beispiel sei hier bereits der Begriff der Theorie genannt, auf den noch zurückzukommen ist.

Was also ist Wissenschaft?

Wissenschaft ist etwas, das Wissen schafft. Damit ist sie erst einmal nur eine Methode, die Wissen hervorbringt. Sie ist ausdrücklich keine Weltanschauung.

Gleich am Anfang der Auseinandersetzung mit Wissenschaft unterscheidet sich das Alltagsverständnis des Begriffs "Wissen" von der Bedeutung, die er in der Wissenschaft hat.

Im Alltagsverständnis ist Wissen etwas, das sehr vieles umfassen kann. Ob das Wissen im Wortsinn wahr ist oder nicht, spielt dabei oft nur eine untergeordnete bis gar keine Rolle (hier und im Folgenden wird der Begriff "wahr" mit "die beobachtete Realität korrekt beschreibend" gleichgesetzt). Oft wird Wissen gesellschaftlich ausgehandelt und man einigt sich auf das, was als wahr gilt. Ganze "Wissenszweige" basieren auf dieser unbestimmten Anwendung des Begriffs von Wissen.

In der Wissenschaft ist Wissen zunächst etwas, von dem man annimmt, dass es wahr ist. Diese Annahme lässt immer mit zu, dass es auch nicht wahr sein kann. Wissen ist in der Wissenschaft immer nur vorläufiges Wissen.

Wissen wird als etwas Graduelles verstanden, dem man umso mehr Vertrauen in seine Wahrhaftigkeit entgegenbringt, je erprobter es ist.

Woher kommt das Vertrauen der Wissenschaft in das von ihr geschaffene Wissen?

Die Wissenschaft basiert auf der wissenschaftlichen Methodik. Sie ist zum einen der Prüfstein für das erforschte Wissen, zum anderen bringt ihre konsequente Anwendung mit sich, dass man der Wahrheit so nahekommt, wie es eben mit den aktuellen Möglichkeiten erreichbar ist.

Wissenschaft ist die Anwendung der wissenschaftlichen Methode zur Erkenntnisgewinnung.

Ohne alle Aspekte und Verästelungen der wissenschaftlichen Methode und deren Selbstverständnis aufzählen zu wollen, seien die wichtigsten Prinzipien hier genannt:

  • Da die wissenschaftlich betrachteten Objekte, Funktionen und Vorgänge oft zu komplex sind, um sie als Ganzes zu erfassen, geht die Wissenschaft reduktionistisch vor, das heißt sie reduziert die Komplexität des zu untersuchenden Gegenstandes, um bestimmte Aspekte fassen zu können. Sprich: Sie untersucht oft zunächst nur Teile eines größeren Ganzen. Letztendlich hat die Wissenschaft das Ziel, das Ganze zu erfassen. Dem nähert sie sich, indem sie ihr Wissen zu den Teilen nach und nach mehrt, bis sie in der Lage ist, auch eine Aussage über das Ganze zu treffen.
  • Die Wissenschaft beruht auf oftmals vereinfachten Modellen, um ein Thema fassbar zu machen. Diese Modelle dürfen daher nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden, da sie manche Einflüsse der Realität ausblenden.
  • Zu den wichtigsten Instrumenten der wissenschaftlichen Methode gehören die Formulierung klarer, zu prüfender Hypothesen, kontrollierte Experimente, Tests, Proben und Studien.
  • Ausgangspunkt vieler wissenschaftlicher Fragestellungen sind Spekulationen. Insbesondere in den Lebenswissenschaften, wo die Systeme so komplex sind, dass sauber definierte Fragestellungen oft aus Unkenntnis der Einflussgrößen nicht vorliegen. Auf Basis von Spekulationen werden aber ausdrücklich keine Aussagen getroffen, die für sich in Anspruch nehmen, den tatsächlichen Sachverhalt korrekt zu beschreiben.
  • Sie können aber, zum Beispiel nach Reduktion der Komplexität durch Auswahl eines geeigneten, der Untersuchung zugänglichen Teils des komplexen Systems, in die Formulierung von überprüfbaren Hypothesen münden. Hypothesen (wörtlich: "Unterstellungen") sind aus noch ungenauen Beobachtungen und Vermutungen über ihre Zusammenhänge heraus formulierte, postulierte Vorgänge mit entsprechenden resultierenden Zuständen. Damit eine Hypothese überhaupt als solche anerkannt werden kann, muss ein Erklärungsmodell vorliegen, das unabhängig vom Ursprungsvorgang weitere Vorgänge, Zustände oder Abläufe erklären kann.
  • Ob eine Hypothese zutrifft, wird meist mittels Experiment überprüft. Für Fragestellungen, die nicht mithilfe von Experimenten untersucht werden können, sind randomisierte, kontrollierte doppelblinde Studien mit einem möglichst großen, für die zu untersuchende Fragestellung statistisch relevanten Stichprobenumfang (Patientenzahlen, Wiederholungs- oder Parallelmessungen etc.) der Untersuchungsweg, der die aussagekräftigsten und belastbarsten Ergebnisse liefert. Solche Herangehensweisen sind vor allem in der medizinischen Forschung das Vorgehen der Wahl, um zum Beispiel die Wirksamkeit eines neuen Arzneistoffs oder eines neuen therapeutischen Vorgehens mit bereits bekannten Wirkstoffen oder Therapieschemata zu vergleichen.
    Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter Theorie eine unbewiesene Behauptung verstanden beziehungsweise eine Vorstellung, wie ein Vorgang oder Mechanismus funktionieren könnte, ohne dass gezeigt wird, dass dies wirklich der Fall ist. Schlimmer noch, zuweilen wird das Wort als Synonym für etwas verwendet, was zwar auf dem Papier, nicht aber in der Praxis funktioniert.
    Das trifft nicht für wissenschaftliche Theorien zu. Im Gegenteil: Erst mit der reproduzierbaren (wiederholbaren) Vorhersage von bisher nicht bekannten Abläufen und ihrer Bestätigung wird in der Wissenschaft aus einer Hypothese eine Theorie. Als solche bezeichnet man ein System wissenschaftlich begründeter Aussagen, mit dem Ausschnitte der Realität und die zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten beschrieben, Prognosen über die Zukunft erstellt werden können oder erklärt werden kann, wie sich ein vorgefundener Endzustand aus bekannten Vorstufen heraus entwickelt hat.
    Ein bekanntes Beispiel für eine wissenschaftliche Theorie ist Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie. Wie die Evolutionstheorie ist auch die Allgemeine Relativitätstheorie nicht final zu beweisen, sie wären beide allerdings durch einen einzigen Befund, der nicht mit diesen Theorien zu erklären ist, zu widerlegen (falsifizieren). Die Falsifikation wird zwar berechtigterweise fortlaufend versucht, ist aber bislang noch nicht gelungen, was für die Qualität dieser Theorien spricht.
    Jede Theorie ist eine gehärtete Hypothese und damit nicht davor gefeit, angegriffen oder gestürzt werden zu können.
  • Hypothesen und Theorien müssen Entwicklungsergebnisse vorhersagen, die überprüfbar sind. Nicht jede Behauptung oder Annahme ist widerlegbar. Prinzipiell nicht widerlegbare Annahmen sind nicht Gegenstand der Wissenschaft.
  • Falsifizierungsversuche gegenüber Hypothesen und Theorien sind ausdrücklich erwünscht und Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit.
  • Etwas zu widerlegen ist ebenfalls ein Zugewinn an Wissen, nämlich dem Wissen, dass etwas nicht wahr ist.
  • Die Wissenschaft wird von Wissenschaftlern betrieben, die als Menschen den gleichen emotionalen und mentalen Limitierungen unterliegen wie Nichtwissenschaftler. Die Interpretation der Daten, die im Rahmen von Experimenten oder Studien erhoben wurden, bietet immer einen gewissen Spielraum. Wissenschaftler bedienen sich der Erkenntnistheorie; diese befasst sich mit den Voraussetzungen für Erkenntnis und für das Zustandekommen von Wissen. Damit versuchen die Wissenschaftler, ihre biologischen, soziologischen, methodischen und logischen Grenzen bei der Erkenntnisgewinnung zu berücksichtigen und so Fehlinterpretationen nach Möglichkeit zu vermeiden, ohne sie in allen Einzelfällen ausschließen zu können. Als Korrektiv gegen einzelne Fehlinterpretationen gilt die Gemeinschaft aller Wissenschaftler, die Aussagen, Befunde und Behauptungen immer wieder überprüft. Dies geschieht bei wissenschaftlichen Arbeiten durch "Peer Review", das heißt durch die Durchsicht der Arbeit von anderen Wissenschaftlern, die auf dem Gebiet arbeiten.
  • Paradigmenwechsel sind in der Wissenschaft normale Stufen des Erkenntnisfortschritts. In der Wissenschaftsgeschichte kam es immer wieder zu kleinen und großen Korrekturen. Damit ist auch in Zukunft zu rechnen. Sehr oft werden korrekte Beschreibungen der Wirklichkeit aber lediglich um neue Erkenntnisse erweitert. So beschreibt das Newtonsche Modell nur einen Teil der möglichen Situationen (für die es ausreichend genau bleibt, um weiterhin genutzt zu werden), wohingegen Einsteins Theorie erst bei sehr hohen (lichtnahen) Geschwindigkeiten und sehr großen Massen sinnvoll einzusetzen ist, um bestimmte Eigenschaften der Materie und des Raums zu beschreiben.
  • Bescheidenheit (im Sinne von Aussagekraft und Beschränkungen der eingesetzten Modelle) ist eine wesentliche Eigenschaft der wissenschaftlichen Methode. Man ist sich in der Wissenschaft darüber einig, dass man vieles noch nicht erklären kann, weil für ein umfängliches Verständnis bestimmter Dinge das aktuell zur Verfügung stehende Wissen einfach noch nicht ausreicht. Für die Dinge, über die man noch kein Wissen hat, setzt man keine haltlosen Annahmen in die Welt, sondern hält es schlicht aus, dass man bestimmte Dinge eben noch nicht weiß.
  • Die wissenschaftliche Methode ist universell; sie kann auf jede beliebige falsifizierbare Fragestellung angewendet werden.

Wissenschaft ist nicht das Kollektiv aller Wissenschaftler, von denen der eine dies sagt und der andere das. Wissenschaftler sind wichtig und unverzichtbar. Sie sind aber auch ein fehleranfälliger Bestandteil eines Anwendungsprozesses der wissenschaftlichen Methode.

Sich widersprechende Aussagen von Wissenschaftlern heben sich nicht einfach gegeneinander auf, auf dass eine Beliebigkeit der Aussage zurück bleibt. Im Zweifel muss man sich die Mühe machen zu prüfen, welcher Wissenschaftler mit welcher Aussage richtig liegt. So entsteht ein Common Sense (vernünftige Übereinkunft) unter der Mehrzahl der Wissenschaftler.

Wesentlich für das Verständnis der Wissenschaft ist es, dass man versteht, wie die wissenschaftliche Methode funktioniert, um zu (vorläufigen) Erkenntnissen zu kommen.

Selbstverständnis und Kritik in der Wissenschaft

Nicht nur die wissenschaftliche Methode an sich ist ein bestimmendes Wesensmerkmal der Wissenschaft. Auch die Art der Arbeit zur Gewinnung von Wissen und das Selbstverständnis der Wissenschaft unterscheiden sich wesentlich von dem, wie Menschen im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext miteinander umgehen.

Gelten im nichtwissenschaftlichen Umgang miteinander, namentlich in der Politik oder der Wirtschaft, Meinungsänderungen als Schwäche und Indiz für eine (vermeintliche) Inkompetenz, macht genau das die Stärke der Wissenschaft aus. Werden neue Erkenntnisse gewonnen, die andere Schlussfolgerungen zulassen, so ändert sich hier selbstverständlich die Auffassung zu einem Sachverhalt, um der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen.

Kritik wird in der Wissenschaft als notwendiges Mittel gesehen, um Wissen zu prüfen und zu verbessern. Kritik kann dazu führen, dass ein Irrtum beseitigt wird, was das Kernanliegen der Wissenschaft ist. Daher wird Kritik ausdrücklich begrüßt und aktiv dazu aufgefordert, Kritik zu üben.

Anders ist es in der Gesellschaft: Hier wird Kritik, wenngleich zwar grundsätzlich ebenfalls erlaubt, notwendig und nützlich, zumeist auch als sozialer Angriff und als Infragestellung der eigenen Position empfunden und oft deswegen nicht gerne gesehen.

In der Wissenschaft wird Wissen, nicht gesichertes Wissen und Nichtwissen fein unterschieden. Aussagen zu Nichtwissen (Spekulationen) werden vermieden und zu nicht gesichertem Wissen unter ausdrücklichen Vorbehalt gestellt.

In der Wissenschaft wird Nichtwissen ausgehalten, aber als Ansporn genommen, Wissen zu erwerben. Die Aussage, "das wissen wir nicht", ist nicht negativ belegt. Im Gegenteil wird eine präzise Beschreibung dessen, was man nicht weiß und zu wissen wünscht, wertgeschätzt. Auch auf Ebene des Einzelnen darf dazu gestanden werden, wenn etwas nicht gewusst wird, obwohl Wissen zu dem Thema existiert. Denn angesichts des zur Verfügung stehenden Wissens ist es schlicht nicht möglich, dass alles Wissen bei einem Einzelnen jederzeit gegenwärtig ist.

Ganz anders in der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft. Einzuräumen etwas nicht zu wissen, zieht oft einen Verlust von Ansehen und Einfluss nach sich. Ansehen und Einfluss gewinnt hingegen derjenige, der zwar genauso wenig oder sogar noch weniger weiß, dafür aber umso selbstbewusster eine starke Behauptung aufstellt.

Die Gesellschaft, beziehungsweise Einzelne oder Gruppen, füllen mit Vorliebe Wissenslücken mit zum Teil frei erfundenen Annahmen und Behauptungen. Aus Gewohnheit wird keine Fragestellung unbeantwortet gelassen. Da ist die gesellschaftliche Ungeduld gegenüber der Wissenschaft groß. Statt wissenschaftliche Antworten abzuwarten, werden Antworten auf dem Meinungsmarkt feilgeboten, auf dass Mehrheiten nach Geschmack entscheiden, was wahr sein könnte.

In der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist es immer wieder notwendig, Entscheidungen auch vor dem Hintergrund von Nichtwissen oder nicht gesichertem Wissen zu treffen. So können sich Entscheidungen im Nachhinein als falsch herausstellen und machen die Entscheidungsträger sozial angreifbar. Der Wunsch, sich mit wissenschaftlicher Expertise zu schützen, ist daher verständlich. Da die Wissenschaft allerdings nicht zu jeder Zeit und in allen Fällen Expertise bereitstellen kann, ist der einzige Weg, Enttäuschungen und ungerechtfertigte Kritik zu vermeiden, der, dass die Gesellschaft versteht, wie Wissenschaft funktioniert.

Die Gesellschaft muss anerkennen, dass falsche oder nicht optimale Entscheidungen, die in bestimmten Fällen auf Basis von nicht gesichertem Wissen getroffen werden mussten, zwar nicht frei von Kritik zu stellen sind; mit diesen muss aber im Nachhinein fair umgegangen werden. Wie der Volksmund sagt: "Hinterher ist man immer schlauer."

Richtig ist auch, dass die Sprache der Wissenschaft nicht immer leicht zu verstehen ist. Da sind die Begriffe, die einen unterschiedlichen Bedeutungsinhalt haben, mehr noch, die sogar in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen unterschiedliche Bedeutungen haben. Da gibt es Fach- und Fremdwörter. Das alles dient der präzisen Aussage in der Wissenschaft, hilft aber nicht dem Verständnis, wenn man damit nicht vertraut ist. Forderungen, sich bei der Vermittlung von Erkenntnissen der Wissenschaft einer einfachen Sprache zu bedienen, sind daher berechtigt. Wissenschaftliche Kommunikation sollte komplizierte Zusammenhänge verständlich darstellen. Eventuell muss dafür vereinfacht werden, ohne dabei jedoch zu verfälschen.

Die Wissenschaft an sich ist in Bezug auf die Ergebnisse, die sie liefert, neutral und wertfrei. Eine Bewertung und eine reale Bedeutung bekommen die Ergebnisse von der Gesellschaft und den einzelnen Menschen durch das, was sie mit den gewonnenen Erkenntnissen machen.

Wissenschaft ist ein System, das logisch kausale Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten in Natur, Technik und Denken allgemein aufdeckt, darauf aufbaut und ebenso logisch weiterentwickelt.

Die Wissenschaft ist das mächtigste Instrument, das wir Menschen haben. Klug eingesetzt verbessert es unser Leben und kann unsere Lebensgrundlagen dauerhaft erhalten. Wissenschaft ist der zuverlässigste Weg, sich der Wahrheit zu nähern, wenn man die großen und kleinen Menschheitsfragen stellt, nach dem Wie, Woher und Wohin. Ein Warum hingegen ist in der Wissenschaft so gegenstandslos wie die Frage nach einem Sinn, weil "warum" einen Sinn impliziert, auch wenn er nicht existiert. Fragen nach dem "Warum" sind zwar sehr menschliche Fragen, aber keine wissenschaftlichen.

In der Entwicklung der Menschheit ist die moderne Wissenschaft relativ spät in Erscheinung getreten. Bevor die Wissenschaft sich zu dem entwickelt hat, was sie heute ist, haben wir Menschen uns schon sehr lange zuvor mit der Welt, in der wir leben, auseinandergesetzt. Wissen wurde schon immer geschaffen, Wissen von dem, was funktioniert und was nicht. Darin haben wir Menschen es zum Teil zu großer Kunstfertigkeit gebracht. Aber das meiste "Wissen" war über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte Spekulation, Irrtum oder Fehlannahme.

Wissenschaft heute erlaubt Fehler, aber sie korrigiert diese durch logische Überlegungen, erweiterte Beobachtungen und Experimente. In der Summe sind die erlangten wissenschaftlichen Erkenntnisse beeindruckend und stehen meist auf einem soliden Wissensfundament, von dem man ausgehen kann, dass es in weiten Teilen Bestand haben wird, auch wenn es ständig verfeinert, gestärkt und ergänzt wird.

Der Beitrag wurde von der gbs Rhein-Neckar e. V. (Regionalgruppe des Fördervereins der Giordano-Bruno-Stiftung) erstellt.

Autor: Dirk Winkler

Mitwirkende: Karl-Heinz Büchner, Marianne Mauch, Rolf Kickuth, Angela Lahee (erschienen auf hpd)


Erklärung zur Islam-Debatte in Deutschland

Als Säkulare Humanisten fühlen wir uns dem Evolutionären Humanismus verpflichtet, welcher dogmatischen Glaubenssystemen eine kritisch rationale Denkweise gegenüberstellt und nach wissenschaftlichen Kriterien gewonnenen Erkenntnissen einen sehr viel höheren Wahrheitsgehalt beimißt, als dem Inhalt heiliger Bücher und Schriften mit Glaubenssätzen vergangener Jahrtausende.

Ausgehend von der UN-Menschenrechtscharta vom 10. Dez. 1948 treten wir für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als die bestmögliche Form einer sozial ausgerichteten Gesellschaft ein und vertreten den Grundsatz einer strikten Trennung von Staat und Kirche. Diese Grundeinstellung verteidigen wir gegenüber Apologeten aller religiösen oder esoterischen Glaubensrichtungen, insbesondere auch gegenüber den abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam und Judentum).

Ausgehend von den Ereignissen des 11. September 2001 in New York, sowie den nachfolgenden Anschlägen in Europa (Madrid 2004, London 2005), der Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh (2004), Karikaturenstreit (2005), den vereitelten Anschlägen in Deutschland (Kofferbomber 2006, Sauerlandgruppe 2007) sowie einer gefühlten lokalen „Überfremdung“ (z.B. Berlin-Kreuzberg, -Neukölln), Ehrenmorde, Zwangsverheiratung und Kopftuchdebatte, sind die in Europa lebenden Muslime einer verschärften Kritik ausgesetzt, die von Rechtspopulisten (z.B. Geert Wilders) und rechtsradikalen Gruppen für die Rechtfertigung fremdenfeindlicher Positionen genutzt wird. Kritik am Islam wird in Deutschland zunehmend undifferenziert mit einer fremden-feindlichen, mitunter rassistischen Haltung gegenüber Muslimen gleichgesetzt. Eine berechtigte, ja notwendige Religionskritik am Islam wird in diesem emotionsgeladenen Umfeld in unberechtigter Weise zunehmend im Bereich des Rechtpopulismus und des Rassismus verortet. Diese Situation veranlaßt uns zu folgender Erklärung:

Als Säkulare Humanisten distanzieren wir uns prinzipiell von fremdenfeindlichen Positionen!  Gleichwohl vertreten wir eine Kritik des Islam als einem Glaubenssystem, das in seinen Grundpositionen mit den Allgemeinen Menschenrechten und demokratischen Formen des Zusammenlebens nicht in Einklang zu bringen ist. Die Rechtsauffassung der Scharia lehnen wir als ein archaisches, einer modernen zivilisierten Gesellschaft zuwiderlaufendes Rechtssystem mit Nachdruck ab.

Unser Eintreten z.B.

  • für die Gleichberechtigung von Mann und Frau auch in islamisch geprägten Gesellschaften, Gruppen und Familien,
  • für eine sexuelle Selbstbestimmung bei homosexueller Veranlagung auch in islamisch geprägten Gesellschaften,
  • für ein humanes Rechtssystem mit Meinungs- und Religionsfreiheit, ohne Todesstrafe auch in islamisch geprägten Gesellschaften,

impliziert eine berechtigte Kritik des Islam aus der Sicht der Allgemeinen Menschenrechte.

Eine Durchsetzung der Allgemeinen Menschenrechte in islamisch geprägten Gesellschaften, Gruppen und Familien in Deutschland kann nur auf dem Weg der Aufklärung, Anwendung deutscher Gesetzgebung, nicht aber durch Ausgrenzung erfolgen.

Deutsche Mitbürger mit islamisch geprägtem Migrationshintergrund sind Bürger mit allen rechtsstaatlichen Rechten und Pflichten. 

Autor: Reinhold Schlotz für gbs Rhein-Neckar e.V. 


Atheismus als Grundlage des Humanismus

Es gilt, mit einem hartnäckigen Missverständnis aufzuräumen: Der bewussten oder unbewussten unzulässigen Gleichung, dass Religion und Glaube Werte vermitteln und der Atheismus keine Werte bietet. Da aber Werte notwendig sind für ein humanes menschliches Miteinander, wird aus dieser Gleichung geschlossen, dass Religion und Glaube per se gut und notwendig sind, der Atheismus hingegen zu wertfreiem Handeln, ja sogar zu inhumanem Handeln führt.

Gerne wird hierbei der Nationalsozialismus und der Stalinismus als ‚Beweis’ angeführt. Davon abgesehen, dass der Nationalsozialismus fest im Glauben an einen Gott ruhte und der Stalinismus selbst eine quasireligiöse Form angenommen hatte, geht diese Betrachtung am Wesentlichen vorbei.

Alle Religionen behaupten, dass Glauben an sich ein absoluter Wert ist. Sollte es einen Gott geben, hätten die Religionen damit auch recht. Gibt es ihn nicht, so kann Glaube an sich kein Wert sein. Ganz im Gegenteil ist Glauben dann ein Negativum.

Ich stimme zu, wenn gesagt wird, dass der Atheismus für keine Werte steht und keine Werte bieten kann.

Ich stimme auch zu, wenn gesagt wird, dass der Mensch Werte braucht.

Daraus folgt aber nicht, dass Religion notwendig ist, um Werte zu formulieren und zu bieten. Und schon gar nicht folgt daraus, dass es einen Gott geben muss, weil es Religionen gibt.

Gläubige ziehen diese beiden fehlerhaften Schlussfolgerungen nur zu gerne, wenn auch zumeist stillschweigend. So wie die Schlussfolgerung falsch ist, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, ist auch falsch, dass etwas sein muss, weil es sein soll.

Ich stelle also nicht in Abrede, dass der Atheismus keine Werte vorgibt. Ich vertrete diese Position sogar in aller Deutlichkeit. Der Atheismus gibt weder positive noch negative Werte vor. Er sagt nur aus, dass derjenige, der von sich sagt, dass er Atheist ist, nicht an übersinnliche Phänomene glaubt. Er ist insofern ein Naturalist.

Ich stelle auch nicht in Abrede, dass der Mensch positive Werte braucht und sich vor negativen Werten hüten soll.

Wenn also darüber Einigkeit herrscht, so können wir uns der entscheidenden Frage widmen, wie der Mensch zu Werten kommt und woher diese ihre Legitimation beziehen?

In Bezug auf die Frage nach der Entstehung von Werten und der Wertebegründung, ist es von entscheidender Bedeutung, ob es einen Gott gibt oder nicht.

Gäbe es einen Gott, so stünde außer Frage, dass er derjenige ist, der Werte definiert und schützt. Er wäre das Maß aller Dinge. Werte außerhalb von Gott zu suchen wäre irrig und vergebens.

Wie lässt sich diese Frage entscheiden? Im Grunde ganz einfach. Wer die Existenz von etwas behauptet ist in der Beweispflicht. Es kann nicht anders sein, da es theoretisch nicht möglich ist, die Nichtexistenz von etwas zu belegen. Hingegen ist es sehr wohl möglich die Existenz von etwas zu beweisen.

Bis heute gibt es keinen Beweis, dass es einen Gott gibt. Und solange es keinen Beweis gibt, ist die Frage nach der Existenz Gottes eindeutig entschieden. Es gibt ihn nicht. Diese Tatsache muss nicht allen gefallen. Sie kann sogar von Vielen sehr bedauert werden. Doch erinnern wir uns – nur weil etwas sein sollte, muss es nicht sein. Wir müssen die Dinge nehmen, wie sie sind, und mit Herz und Verstand das Beste daraus für uns Menschen machen. Falsche Annahmen von der Wirklichkeit schaden dem Menschen mehr, als sie ihm helfen.

Da Gott aber nicht existiert, kann es verschiedene Wege geben, wie der Mensch sich selbst Werte gibt und begründet.

Religion kann ein Weg dazu sein. Dieser Weg ist denkbar, auch ohne dass es einen Gott gibt.

Menschen schreiben Texte, in denen sie Werte vorgeben und nennen diese Texte heilige Schriften. Da aber alle „heiligen Schriften“ Menschenwerk sind, sind die Werte von Menschen für Menschen gemacht. Die religiöse Besonderheit dabei ist, dass die Texte, da sie „heilige“ Texte genannt werden, sich gegen Kritik immunisieren. Nebenbei können sie aufgrund ihrer „Heiligkeit“ vorzüglich als Machtmittel eingesetzt werden.

Theismus an sich schafft keine Werte. Wenn jemand an ein Nudelmonster glaubt, so sagt das noch gar nichts über seine Werte aus. Menschen geben dann aber dem Nudelmonster Werte bei. Die Ableitung diese Werte muss naturgemäß unsinnig sein, da es eben kein Nudelmonster gibt. Die Religion des Nudelmonsters kann aber dennoch, ohne dass es das Nudelmonster gibt, bestehen.

Die „heiligen Schriften“ als Menschenwerk sind auch der Beweis dafür, dass es Werte ohne einen Gott gibt. Da der Mensch sich Werte geben kann, sollte er das besser mit kritischem Verstand tun. Unkritisch Werte nachzubeten, die irgendwann einmal, irgendein Mensch formuliert hat, ist der bei weitem schlechteste Weg, Werte zu begründen.

Atheismus, obwohl selbst keine Werte bietend, ist zumindest die notwendige Voraussetzung für einen unbelasteten Ausgangspunkt auf der Suche nach positiven Werten. So gesehen kann Atheismus an sich bereits als Wert betrachtet werden. Sein Wert besteht darin, den Menschen in die Lage zu versetzen, ohne Scheuklappen, ohne Vorurteile, ohne Dogmen mit offenen Augen und kritischem Geist durch das Leben gehen zu können.

Ohne Schere im Kopf lassen sich die Herausforderungen der Zivilisation besser meistern.

Der Mensch kann positive Werte formulieren. Da es keinen Gott gibt, bleibt nur der Mensch, dies zu tun. Er hat gar keine andere Wahl, als es selbst zu tun. Er ist fähig, sich in andere Menschen hineinzufühlen und hineinzudenken. Er ist fähig, zu reflektieren und aus all dem ethische Normen zu formen. Das Ergebnis solcher Überlegungen ist werthaltiger als religiöse Manifeste.

Ausgehend von den natürlichen Bedürfnissen des Menschen, seinen natürlichen Neigungen und Anlagen, kann ein Wertesystem abgeleitet werden, dass dem Menschen in seinem Menschsein gerecht wird.

Auf das Fundament kommt es an

Ein naturalistisches Fundament gründet auf der Realität. Ein religiöses Fundament gründet auf Sand, also unsicherem Boden. Auch von daher neigen religiöse Wertesysteme dazu diktatorisch zu werden, wenn sie über Macht verfügen. Sie dürfen ihre Fragwürdigkeit nicht in Frage stellen lassen.

Die christlichen Kirchen haben dies über Jahrhunderte bewiesen. Immer dann, wenn ihre Macht in Frage gestellt wurde, haben sie mit Repressalien reagiert. Erst heute, da sie relativ machtlos sind, verzichten sie notgedrungen auf „Daumenschrauben“.

Wie ein theokratiches System auf Freiheitsrufe reagiert, können wir aktuell im Iran sehen.

Atheismus ist eine sichere Basis, um eine Ethik für alle Menschen zu entwickeln, da der Atheismus auf keiner falschen Annahme beruht. Er macht erst gar keine Annahmen, für die es keine Beweise gibt.

Von dieser Basis aus, die im Grunde keine Basis ist, da sie auf nichts gründet, liegt ein unbestelltes Feld ethischer Möglichkeiten.

Auf diesem Feld können Irrtümer wachsen, wenn es falsch bestellt wird. Doch hat der Mensch Verstand und Gefühl genug, damit er es zum Wohl der Menschheit bestellen kann.

Philosophie, Wissenschaft und Kunst sind die süßesten Früchte, die sich daraus entwickelt haben. Humanismus sein stärkster Trieb.

Das Feld der Religion hingegen ist übersät mit Disteln der Intoleranz, der Gewalt, der Unterdrückung, des Fanatismus, der Bevormundung, der Rückschrittlichkeit, von Angst- und Schuldgefühlen. Unter diesem Gestrüpp ersticken die wohlschmeckenden Früchte der Religion, die es zweifellos auch gibt.

Daher wird es nun endlich Zeit, dass das verwüstete Feld neu bestellt wird. Wer sich auf Gott beruft, soll nicht mehr gehört werden. Immer neue religiöse Ansprüche sind wie Salz im Boden. Daraus kann nichts Fruchtbares erwachsen.

Statt Religionen immer mehr Raum zu überlassen, ist der Samen der Aufklärung zu streuen. Das kann schmerzlich sein für die, deren Weltanschauung darauf noch nicht vorbereitet ist. Es wird unvermeidlich zu Anpassungskonflikten kommen. Doch es ist soviel mehr zu gewinnen, als zu verlieren. Zu gewinnen ist ein Miteinander gleichberechtigter Menschen. Zu verlieren ist nur ein sehr sehr alter Irrtum.

Gründet Humanismus auf Atheismus oder folgt dem Atheismus der Humanismus, so kann getrost auf Religion verzichtet werden.

Der Mensch bedarf keines übernatürlichen Wesens, dass ihm sagt, was er für gut und richtig empfinden muss. Der Mensch muss nur in sich hinein hören. Lust und Schmerz liegen in seiner Natur. Er ist von Natur aus in der Lage das eine von dem andern zu unterscheiden. Das ist evolutionärer Humanismus.

Muss der Mensch vor sich selbst geschützt werden?

Weder aus religiöser, noch aus naturalistischer Sicht ist der Mensch ein Lebewesen, das nicht auch zerstörerische Seiten hat.

Verbleibt also die Frage, ob Religion nicht doch notwendig ist, um den Menschen vor sich selbst zu schützen? Religion bietet neben Regeln auch gleich noch einen Aufpasser für die Einhaltung der Regeln an, einen omnipotenten Aufpasser, der straft oder belohnt und so die äußerliche Einhaltung der Regeln gewährleistet.

Betrachten wir es ganz sachlich. Wenn es denn diesen Aufpasser gibt, so verrichtet er einen lausigen Dienst. Seine gläubigen Religionsanhänger haben eine solche Unmenge an Beweisen geliefert, dass alle Verbrechen, alle Niedrigkeiten und Gemeinheiten ungestraft durchgehen. Der Glaube an einen solchen Aufpasser ist also nicht nur unsinnig, sondern auch nutzlos.

Das erkennen auch Religionsvertreter. Daher haben sie praktischerweise die endgültige Bestrafung oder Belohnung für die angebliche Zeit nach dem Tod erfunden. Damit entzieht sich deren Behauptung jeder Nachprüfung.

Hat es etwas am tatsächlichen Verhalten der Menschen geändert? Nein. Religion nimmt sogar für sich in Anspruch die größten Verbrechen, verklärt als Sünden, vergeben zu können. Es ist sehr praktisch zu wissen, dass man die schlimmsten Verbrechen begehen und durch Buße seinen Strafen entgehen kann. Und es gibt immer einen Gott, für den zu töten erlaubt ist.

Was ist ein Wertesystem wert, dass nicht aus eigener ethischer Überzeugung eingehalten wird und nur aus Angst vor Strafe, oder aus Berechnung auf Belohnung eingehalten wird? Bei erstbester Gelegenheit entwindet man sich seinem Aufpasser und tut die schlimmsten Dinge, wenn man die Neigung dazu in sich trägt, oder man glaubt, Gottes Willen zu vollstrecken.

Vertritt man aber aus eigener Überzeugung ethische Werte, ohne sich von einem nicht existenten übernatürlichen Wesen beirren zu lassen, so ist man in seinen Werten gefestigt, denn die eigene persönliche Identität ist daran geknüpft. Man trägt selbst die Verantwortung für das was man tut, für das was man nicht tut und für das wofür man einsteht. Man ist ein erwachsener Mensch.

„Mit und ohne Glauben können sich gute Menschen anständig verhalten und schlechte Menschen Böses tun; doch damit gute Menschen Böses tun, dafür braucht es Religion.“ (Steven Weinberg)

Autor: Dirk Winkler (veröffentlicht erstmals auf hpd 2010)


Atheismus als Grundlage des Humanismus (II)

Kritiker mit religiösem Hintergrund argumentieren dann auch konsequent relativistisch. Hier der Glaube daran, dass es keinen Gott gibt, dort der Glaube, dass es einen Gott gibt. Hier das Dogma einer These, dort das Dogma einer anderen These. Wenn man von religiösem Fundamentalismus spricht, muss man auch feststellen, dass es atheistischen Fundamentalismus gibt. Atheismus sei ja auch nur ein Glaube – der Glaube, daß es keinen Gott gibt. So wie es eben einen Glauben an einen Gott gibt. Im Kern ist es immer der Versuch, eine Gleichberechtigung zu konstruieren, wo es keine Gleichheit der Argumentationsebene gibt.

Atheismus ist im Gegensatz zum Glauben sehr einfach. Wenn Theismus der "Glaube an einen Gott" ist, dann ist A-Theismus zunächst erst einmal das Fehlen eines Glaubens an einen Gott. Man „glaubt“ also nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern man glaubt halt nicht. Sowenig wie man an Schneewittchen glaubt, oder den Osterhasen.

Es ist einzig die Tradition, warum wir uns heute von den argumentativen Nebelkerzen der Religiösen verwirren lassen. Wir alle sind in der Tradition aufgewachsen, dass man zunächst einmal die Argumente für Gott mit der gleichen Ernsthaftigkeit zur Kenntnis nimmt wie jene gegen Gott.

Eine vergleichbare Tradition für die Argumente pro Osterhase existiert nicht. Daher fällt auch niemandem ein, den Osterhasen-Theismus mit dem Osterhasen-Atheismus zu relativieren. Die historische Erfahrung hat uns gelehrt, dass aus absoluten Wahrheitsansprüchen sehr viel Unheil erwachsen ist. Es ist schon paradox, dass gerade religiöse Kritiker den Finger heben und meinen, daran gemahnen zu müssen, wenn von Seiten des Atheismus Klartext geredet wird.

Klartext ist, dass es entweder einen Gott gibt oder nicht. Es ist nicht beides möglich. Es ist dabei vollkommen unerheblich, ob dieser Gott nur einmal bei der Erschaffung der Welt gewirkt hat. Ob er immer mal lenkend eingegriffen hat oder heute noch ständig Einfluss nimmt. Diese Fragen wären nur dann relevant, wenn die Grundsatzfrage Gott ja oder nein, mit ja beantwortet wäre. Aber genau diese alles entscheidende Frage: existiert Gott – ja oder nein, muss erst einmal entschieden werden.

Zur Beantwortung dieser Frage gibt es nun zwei Lösungswege. Einen naturwissenschaftlichen Weg und einen theologischen Weg.

Ich sage nicht, dass sich der theologische Weg nicht auch wissenschaftlicher Methoden bedient. Kritisches Quellenstudium, Untersuchungen über das Weltall und den Urknall werden durchaus ernsthaft betrieben und halten kritischer Überprüfung stand. Das ist Teil einer aufgeklärten Religion, wie es insbesondere das Christentum für sich reklamiert. Zu Recht, wie ich meine.

Der entscheidende Unterschied ist der, wie beide Seiten Glauben und Wissen definieren. Und für welche Denkmethode sie sich entschieden haben.

Sprachlich benutzt man das Wort Glauben dafür, ob etwas an sich für wahr betrachtet werden kann. Dabei geht es nicht darum, ob ich glaube, dass mein Nachbar die Wahrheit gesagt hat. Ich tue dies, weil ich nicht davon ausgehe, dass er die Unwahrheit gesagt hat.

Wenn man an einer Weggabelung steht und keinerlei Wissen oder Indizien hat, welcher der beiden Wege einen zu seinem Ziel führt, so „glaubt“ man, dass der Weg, den man einschlägt der Richtige ist. Richtig ist aber einzig, dass man eine Zufallsentscheidung getroffen hat, die weder etwas mit Glauben, noch mit Wissen zu tun hat.

Glauben als Wort begegnet uns ständig, weil es eine Annahme beschreibt oder für eine Zufallsentscheidung steht.

Etwas ist glaubwürdig, wenn es zunächst nicht offensichtlich Lüge ist, weil wir Menschen im allgemeinen davon ausgehen, dass wir nicht belogen werden. Eine andere Grundannahme würde ein Zusammenleben unmöglich machen. Diese Art des Glaubens enthält immer auch die Möglichkeit, dass aus Glauben Wissen wird. Glauben wird immer dann zu Wissen, wenn Indizien oder Beweise für oder gegen die geglaubte Annahme sprechen.

Glauben im religiösen Sinn meint etwas ganz anderes. Glauben ist dort eine Denkkategorie, die zulässt, an alles Beliebige zu glauben und grundsätzlich ohne Wissen auskommt. Was ein Mensch im religiösen Sinn glaubt, ist dabei reiner Zufall. Der Zufall der Geburt bestimmt den Glauben. Je nachdem, in welche Familie oder in welche Gesellschaft ein Mensch hineingeboren wird, wird sein Glauben geprägt. Dementsprechend gibt es unzählige Glaubensinhalte, an die ein Mensch glauben kann.

Demgegenüber gibt es nur eine Naturwissenschaft. Es kann nur eine Naturwissenschaft geben, da es nur die Naturgesetze gibt, die es gibt. Diese zu erforschen, bedient man sich naturwissenschaftlicher Methoden. Naturwissenschaft produziert Wissen.

Wissen erwirbt man durch wissenschaftliche Methoden. Es ist verifizierbar und vor allem falsifizierbar. Wissen ist insoweit wahr, wie es nicht den Tatsachen widerspricht. Wissen kann niemals eine absolute Wahrheit begründen, da Wissen seiner Natur nach unerschöpflich ist. Wissen ist notwendigerweise immer begrenzt und unvollständig.

Glaube taugt nicht zum Füllen der Wissenslücken, auch wenn Gläubige immer gerne in die gerade noch offenen Wissenslücken springen.

Es gibt einfach Wissen und Nichtwissen. Noch-nicht-Wissen und prinzipiell-nicht-möglich-zu-wissen.

Wir dürfen uns nicht davon täuschen lassen, dass wir umgangssprachlich sagen, wir glauben an eine bestimmte wissenschaftliche Theorie. Nehmen wir die Evolutionstheorie. Ich glaube nicht an die Evolution. Die Evolution ist kein Gegenstand des Glaubens. Die Erkenntnisse zur Evolution gehören dem Bereich des Wissens an. Die Evolutionstheorie steht seit Darwin im Feuer. Im Kern hat sie bewiesen, dass sie das zutreffendste Welterklärungsmodel der belebten Natur ist, das die Menschheit besitzt.

Ich weiß, dass die Evolutionstheorie richtig ist. Ich weiß es so sehr, wie es redlicherweise möglich ist, über etwas Gewissheit zu haben.

John Stuart Mill bringt es in seinem Buch „Über die Freiheit“ (1859) treffend auf den Punkt:

„Unsere gesichertsten Überzeugungen haben keine verlässlichere Schutzwache als eine ständige Einladung an die ganze Welt, sie als unbegründet zu erweisen. Wenn diese die Herausforderung nicht annimmt oder, falls sie sie annimmt, der Angriff fehlschlägt, so sind wir noch von der Gewissheit weit entfernt, aber wir haben das Beste getan, was der gegebene Stand menschlicher Vernunft zulässt: wir haben nichts außer acht gelassen, was der Wahrheit eine Chance geben konnte, uns zu erreichen. Bleiben die Schranken offen, dann können wir hoffen, dass man eine bessere Wahrheit, wenn es solche gibt, finden wird, sobald der Menschengeist sie zu erfassen fähig ist. In der Zwischenzeit können wir uns darauf verlasen, der Wahrheit so nahe gekommen zu sein, wie es in unseren Tagen möglich ist. Das ist der Betrag an Gewissheit, den ein fehlbares Wesen erreichen kann, und das der einzige Weg, ihn zu erlangen.“

Letztendlich ist es genau diese Einstellung, die Wissenschaft und Glaube voneinander unterscheidet. „Ich akzeptiere, dass ich irren kann, gehe aber bis zum Beweis des Gegenteils nicht davon aus, dass ich irre.“ Das unterscheidet Humanisten von Gläubigen. Die gehen zwar auch davon aus, dass sie nicht irren, doch akzeptieren sie nicht die Möglichkeit, dass sie irren könnten.

Glauben kommt gerne als Mimikry des Wissens daher. Enttarnen wir den Glauben als etwas dem Wissen grundsätzlich Entgegengesetztes und er kann nicht wirklich mehr ernst genommen werden. Das Wissen zulässt, widerlegt zu werden, hat nichts mit Toleranz zu tun. Diese Eigenschaft ist funktionaler Bestandteil einer erkenntnistheoretischen Verfasstheit die wir Wissen und Wissenschaft nennen. Glauben und Religion sind in ihrer Verfasstheit, sowohl in ihrer Beliebigkeit als auch in ihrem Absolutheitsanspruch, etwas gänzlich anderes.

Wissen ist absolut intolerant. Wissen toleriert Glauben nicht. Das liegt in der "Natur" des Wissens. Wissen, das widerlegt wird, verschwindet und hört auf Wissen zu sein. Da bleibt kein Platz für Toleranz.

Glauben war noch nie Wissen und wird es niemals werden. Glauben funktioniert nach komplett anderen "Gesetzen" als Wissen.

Zwischen Glauben und Wissen gibt es keinerlei Überschneidungen. Ich denke, wir müssen anerkennen, dass es zwei Denksysteme sind, die an sich nicht miteinander vereinbar sind. Dem widerspricht nicht, dass es Menschen gibt, die in allen Bereichen ihres Lebens der Naturwissenschaft verbunden sind, als Skeptiker gelten, kritisch denken und gleichzeitig an Gott oder das Göttliche glauben. Dies beweist lediglich, dass der Mensch zu beiden Denkkategorien fähig ist. Das ist das Ergebnis der Evolution.

Nach diesen klaren Worten möchte ich betonen, dass es einen Unterschied macht, ob man sich konsequent für einen naturalistischen, naturwissenschaftlichen Zugang zur Erklärung der Welt entscheidet und die Denkkategorie Glauben als nicht gleichberechtigt anerkennt oder intolerant gegenüber Andersdenkenden ist. Religion hat immer wieder bewiesen, dass sie diese Unterscheidung nicht trifft. Ich bitte sehr, diese Unfähigkeit, beides von einander zu trennen, nicht auch auf Atheisten und Naturalisten zu projizieren.

Vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus ist die Frage Gott ja oder nein, mit nein entschieden. Damit komme ich zu meiner Eingangsbehauptung zurück, dass Atheismus keine Weltanschauung ist. Es ist nicht möglich, Werte aus der Tatsache abzuleiten, dass es keinen Gott gibt. Wie also soll ich die Welt sehen? Ich meine damit nicht die Welt als naturwissenschaftliche Fragestellung. Ich meine die Welt der Normen und Werte. Normen und Werte, die ich brauche, um in ihr als soziales Wesen leben zu können. Dazu gibt der Atheismus keine Antwort.

Wissenschaft und Philosophie können Antworten geben. Nicht nur unsere Gestalt, unser Körper, auch unser Verhalten wurde von der Evolution herausgebildet. Dazu schrieb schon Konrad Lorenz:

„Man muß bedenken, daß sich unsere Fähigkeit zur Erkenntnis nicht im luftleeren Raum entwickelt hat. Sowohl unsere Erkenntnisfähigkeit, als auch unser Verhalten unterlagen der Evolution. Denn so wie sich der Huf des Pferdes dem Steppenboden angepaßt hat, so hat sich unsere Weltbildapperatur der reichhaltigen realen Welt, mit der sich der Mensch auseinander setzen mußte, angepaßt. Das einzige Kriterium seiner Entwicklung war die Arterhaltung und nicht die objektive Realität.“

Wir müssen endlich erkennen und akzeptieren, dass auch unsere Moral und unsere Ethik ein Produkt der Evolution ist. Dazu schreibt Franz Wuketits in seinem Buch Bioethik:

„Ethische Überlegungen dürfen nicht an empirischen Tatsachen vorbeigehen und müssen elementare Neigungen des Menschen (streben nach Lust und Vermeiden von Unlust) berücksichtigen.“

„Das ‚Ich’ mit all seinen Attributen, auch in seiner Fähigkeit zum moralischen Urteil und ästhetischer Intuition, mit seiner Fähigkeit, die Welt zu erkennen und zu verleugnen, ist fixierter Ausdruck vergangener Evolution. Die Konsequenzen dieser Einsicht aufzuarbeiten, wissenschaftlich, philosophisch und auch gesellschaftlich ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für die kommenden Jahrzehnte mit keineswegs bereits überschaubaren Folgen für das menschliche Selbstverständnis und die gelebte Praxis späterer Generationen.“ So Eckart Voland in „Soziobiologie“.

Wenn es also um Weltanschauung geht, so stehen sich religiöse und humanistische Weltbilder gegenüber.

Und über eines sollten sich Religiöse und Nichtreligiöse einig sein: Ein Hitler, Stalin oder Pol Pot waren mit Sicherheit keine Humanisten.

Deswegen brauchen wir auch gar nicht darüber streiten, ob sie Atheisten waren oder nicht. Das ist vollkommen unerheblich für die Beurteilung, warum sie ethisch oder unethisch gehandelt haben. Es ließen sich genug konkrete Beispiele von Verbrechern finden, die unbestritten tiefgläubig waren.

Das Ausmaß der Verbrechen eines Hitler oder Stalins lassen sich viel schlüssiger erklären, wenn man bedenkt, welche technischen und administrativen Möglichkeiten ihnen zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte zur Verfügung standen. Ich möchte mir nicht vorstellen, was ein Großinquisitor der katholischen Kirche früher angerichtet hätte, wenn er über vergleichbare technische und administrative Mittel verfügt hätte. Ich bin also sehr dafür, in der Diskussion um Ethik, Glauben und Nichtglauben auf die „Hitlerkeule“ zu verzichten. Sie trifft einfach nicht, wenn man über Atheismus als Grundlage des Humanismus spricht.

Die Argumente von Religiösen und Humanisten sind schon immer die gleichen und werden immer die gleichen sein. Nur wandelt sich bei den Religiösen immer der Gegenstand, den sie verteidigen. Mal ist es Gott Baal, dann Gott oder Allah, dann irgendwann das Lichtwesen Armehla. Da stellt sich doch sehr die Frage, ob die religiös beschworene „ewige“ Wahrheit nicht ein Hirngespinst ist.

Wirklich real ist der Mensch mit seinen Bedürfnissen, die so widersprüchlich sind, wie die Natur vielfältig ist.

Erst wenn wir erkennen, wie Vorurteile, Hass, Aggressivität, Unmenschlichkeit, aber auch Liebe, Selbstlosigkeit und menschliches Verhalten aus dem biologisch evolutionären Menschen entstanden sind und aktiviert werden, sind wir in der Lage, die negativen Seiten des Menschen zu kontrollieren und die positiven Seiten voll zu entwickeln. So wie die moderne Medizin bewiesen hat, dass sie besser wirkt als traditionelles Gesundbeten, wird eine humanistische Ethik zeigen, dass sie einer religiösen Ethik vorzuziehen ist.

Abschließend festhalten möchte ich, dass es zwei Denkkategorien gibt. Eine Denkkategorie des Glaubens und eine Denkkategorie des Wissens, die sich naturwissenschaftlicher Methoden bedient. Diese zwei Denkkategorien sind keine zwei Punkte auf einer Skala der Unsicherheit. Sie sind Antipoden. Man kann sich zwischen beiden entscheiden. Man kann sie aber nicht relativieren, wie es Religiöse gerne machen, um sich zumindest ein wenig mit Wissenschaftlichkeit zu bemänteln. Einer Wissenschaftlichkeit, nach der Religiöse scheinbar lechzen, weil sie natürlich Verstand genug haben zu erkennen, dass ihr Glaube ihrem Verstand widerspricht.

„Wirklichkeit ist das, was nicht verschwindet, (selbst) wenn man aufhört, daran zu glauben.“ Philip Kindred Dick (1928-1982)

Autor: Dirk Winkler (veröffentlicht erstmals auf hpd 2011)


Das Ende des Relativismus

Über lange Phasen der Menschheitsgeschichte hinweg war diese davon geprägt, dass jede Gruppe ihre eigenen Wahrheiten als absolut erachtete und Macht das alleinige Kriterium war, nach dem „Wahrheit“ definiert wurde. – Von den großen Konzepten der Religionen und Weltanschauungen bis hinunter zu Gruppen und gar Einzelpersonen, die ihre „kleinen“ Wahrheiten im menschlichen Zusammenleben mit Sturheit und Intoleranz durchzusetzen versuchten. Werte und Konventionen der Einen wurden als den Werten und Konventionen der Anderen überlegen verstanden. Die Folge war mindestens Verachtung, aber auch Diskriminierung bis hin zur Entmenschlichung des Anderen oder ganzer Gruppen.
Aus selbstkritischer westlicher Perspektive muss man heute feststellen, dass mit der Erringung der westlichen Vormachtstellung eine Arroganz und Geringschätzung nicht-westlicher Werte, Zivilisationen und Kulturen einherging, die Sklaverei und Kolonialismus, Ausbeutung und Genozide nicht nur legitimierte, sondern sogar beförderte.
Erst mit dem Einzug der Idee der Menschenrechte und ihrer Durchdringung der westlichen Gesellschaften begann die Selbstsicherheit, dass man die Wahrheit ausschließlich auf seiner Seite habe, langsam zu bröckeln. Zugleich sollten sich Rassismus, Eurozentrismus, christlicher Missionseifer, Sexismus und Überlegenheitsgefühle westlicher Gesellschaften noch sehr lange Zeit halten.
Die Widersprüche zwischen dem Ideal der Menschenrechte und den tatsächlichen Verhältnissen, in denen weite Kreise der Bevölkerung von allen oder zumindest einigen Menschenrechten ausgeschlossen waren, führten schließlich dennoch dazu, die eigene Sicht auf eigene Wahrheiten sowie Überlegenheitsgefühle zunehmend in Frage zu stellen.
Es entwickelte sich der Relativismus als Korrektiv zur eigenen Voreingenommenheit in Bezug auf die Konstruktion von Wahrheit, Werten und Konventionen. Gekennzeichnet war er von einer sehr starken emanzipatorischen Wirkung für zuvor benachteiligte Gruppen bis hin zu Einzelindividuen.
Zweifelsfrei ist der Grundsatz richtig, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt und insbesondere gesellschaftliche Verhältnisse an Vorbedingungen geknüpft sind, die ihrerseits auf Bedingungen der jeweiligen Umwelt und geschichtlicher Entwicklung fußen. Indes geriet der wertvolle Beitrag des Relativismus zur Weiterentwicklung der Menschheit über das Zuträgliche hinaus und entwickelte sich zu einem anti-emanzipatorischen Diskurselement.
Heute kann man in westlichen Gesellschaften allerorten eine Trägheit in Bezug auf die Verteidigung der Menschenrechte antreffen, die zwischenzeitlich alle Formen der Zusammenarbeit mit autoritären Machthabern, Staaten und Gesellschaften möglich macht, ohne dass sich das westliche Gewissen rührt angesichts der Verletzung von Menschenrechten. Dies gilt auf staatlicher und unternehmerischer Ebene, wie auf der Ebene des Einzelnen.
Die Menschenrechte an sich werden in einer neurassistischen Art und Weise in Frage gestellt. So als müsste man verstehen, dass die Menschenrechte als westliche Erfindung vollumfänglich zuvorderst – man denke dabei nur an die Demokratie und die Gleichstellung von Mann und Frau – für die Menschen des Westens geeignet seien, aber nicht zwingend auch für andere Staaten oder Kulturkreise.
Da die Menschenrechte stets auf das Individuum zielen und nicht auf Ethnien, Gruppen oder gar kulturelle Eigenarten als Ganzes, werden sie mit dem Argument relativiert, dass in anderen Kulturen das Individuum nicht jenen Stellenwert in der Gesellschaft habe wie im Westen. In nicht-westlichen Gesellschaften würde die Gemeinschaft höher bewertet, was eine mindestens gleichwertige ethische Position sei. Statt der Gemeinschaft als kulturelle, religiöse oder ethische Wertegemeinschaft kann auch die territoriale Staatlichkeit als Fetisch ins Feld geführt werden, um im Namen dieser angeblich mindestens gleichwertigen Position Individualrechte zu verletzen.
Der Relativismus ist zu einem Deckmäntelchen verkommen, um nicht zu Lasten von Profit und Bequemlichkeit für humane Werte einstehen zu müssen. Dabei kann man sich sogar noch großartig als Antirassist, als tolerant und aufgeklärt gerieren. Das gilt mit unterschiedlichen Schwerpunkten für die große Politik wie auch für den Einzelnen in seiner kleinen privaten Welt.
Der Relativismus hat sogar Auswirkungen hervorgebracht, die unsere wichtigste Erkenntnismaschine sabotieren. Die naturwissenschaftliche Methode als effizientestes Instrument der Erkenntnisgewinnung wird mit Eingebung und Dilettantismus relativiert, auf dass neben wissenschaftlich fundierten Aussagen auch Behauptungen stehen gelassen werden, die keinerlei Realitätsgehalt aufweisen.
Die jüngsten Ereignisse in Europa und der Welt, die Anlass zum Umdenken geben – von der Ermordung von Journalisten in Saudi-Arabien über die brutale Missachtung von Frauenrechten in Afghanistan und die Inhaftierung von Regimegegnern in der Türkei, in China und Russland bis hin zur Niederschlagung der Proteste in Weißrussland –, erfahren mit dem Überfall Putins auf die Ukraine gerade einen entsetzlichen Höhepunkt.
Wie lange haben wir die Augen verschlossen vor den Menschenrechtsverstößen des Regimes Putin! Jetzt, da wir zu sehen beginnen, können wir das, was in Russland geschehen ist, nicht länger „wegrelativieren“. Und einmal aufgewacht müssen wir erkennen, dass wir auch das Unrecht in anderen Teilen der Welt nicht länger relativieren können.
Die Auswüchse des Relativismus sind zurückzuschneiden auf grundsätzliche erkenntnistheoretische Aspekte. Innerhalb menschenrechtsbasierter Standpunkte hat der Relativismus nichts mehr zu suchen. Diese dürfen und müssen absolut gesetzt werden.
Und weil in den letzten Jahren verschämte Versuche unternommen wurden, die Menschenrechte nicht-westlichen Kulturen dadurch schmackhaft zu machen, dass man die Wurzeln dieser Rechte, insbesondere auch durch islamische Einflüsse, in allen Kulturen auszumachen glaubte, sei endlich selbstbewusst gesagt, dass das eine Scheindebatte ist.
Selbst wenn die Menschenrechte tatsächlich eine westliche „Erfindung“ sein sollten, die sich aus der westlichen Kulturentwicklung ergeben hat, so würde dies dennoch in keiner Weise eine etwaige Überlegenheit westlicher Menschen begründen. Nicht, wenn man die Menschen als eine Spezies begreift. Es wäre schlicht ein geographischer Zufall, wenn Menschen im Westen die Menschenrechte entwickelt hätten; und diese wären keineswegs biologistisch und damit rassistisch ein Produkt des „Westmenschen“. So zu denken wäre in Wahrheit rassistisch.
Das Gleiche ließe sich auch zur Bedeutung der modernen Wissenschaft sagen.
Dem Menschen als Spezies sind bestimmte Dinge universal zuträglich und andere Dinge nicht. Die Menschen weltweit haben in ihrem Menschsein derart viele universelle Gemeinsamkeiten, dass die kulturellen Unterschiede nicht länger als Maßstab dafür dienen sollten, welchen Kulturen man die Menschenrechte selbstverständlich vollumfänglich zugänglich macht und bei welchen man es duldet, dass sie keinen vollständigen Zugang dazu erlangen.
Dass damit nicht einem Kreuzzug für die Menschenrechte das Wort geredet wird, sollte gutwillig selbstverständlich sein. Kreuzzüge, aus welcher Motivation heraus auch immer, sind ein Widerspruch zu den Menschenrechten an sich. Auch sind die realen gesellschaftlichen und staatlichen Machtverhältnisse eben so, wie sie sind, und man muss sich realpolitisch darauf einstellen. Aber die Stoßrichtung der anzustrebenden Entwicklung sollte ganz klar sein. Profit und Bequemlichkeit dürfen jedenfalls kein Grund sein, um sich wegzuducken und vom Relativismus einlullen zu lassen.


Dirk Winkler, 16.03.2022 (erschienen auf hpd)


Zum (gesellschafts)-politischen Standpunkt der GBS Regionalgruppe Rhein-Neckar

Aus der naturalistischen Weltanschauung der säkularen Humanisten lassen sich folgende Wertequellen erschließen:

  • Naturwissenschaftliches Weltbild
  • Evidenzbasierendes Denken und Handeln
  • Die evolutionäre Entwicklung des er Menschen
  • Humanismus
  • Kritischer Rationalismus als Methode der Erkenntnisgewinnung
  • Konsequente Verpflichtung auf die Menschenrechte

Aus diesen schöpfen die Mitglieder der Regionalgruppe ihre gesellschaftspolitische Ausrichtung.
Abgelehnt werden folgende Positionen:

  • Dogmen aller Art
  • Postulate ohne jedwede Evidenz
  • Denkverbote aller Art, einschließlich der Fremd- und Selbstzensur durch political correctness
  • „Menschheitsbeglückungsprogramme“ jedweder Art, die die Eigenbestimmung des individuellen Menschen aushebelt (egal ob religiös, politisch oder weltanschaulich).

Vor dem Hintergrund dieser - den säkularen Humanisten gemeinsamen, positiven und negierten Positionen - ist die Gruppe politisch neutral und überparteilich.
Der konkrete Humanismus der Gruppe leitet sich aus der menschlichen Biologie, ihrer Evolution, ihrer natürlichen Möglichkeiten und Beschränkungen ab. Dabei ist sich die der Gruppe jederzeit der Gefahr eines naturalistischen Fehlschlusses gegenwärtig, und sie sucht ihn jederzeit zu vermeiden.
Ebenso vermeidet die Gruppe aber auch den idealistischen Fehlschluss, der darin besteht, die Realitäten des menschlich Möglichen aus den Augen zu verlieren, im Bestreben, ein wünschenswertes Ideal zu erreichen.
Einige konkrete (gesellschafts)politische Ansichten und Standpunkte können aus dem grundsätzlichen Standpunkt der Gruppe abgeleitet werden.
Solidarität/Wirtschaftsordnung:
Der Mensch steht im Spannungsfeld zwischen Eigennutz und Kooperationsbestreben.
Jedwede kollektivistische und sozialistische Gesellschaftmodelle entsprechen, aufgrund ihrer Tendenzen zur Gleichmacherei und starken Einschränkungen individueller Entfaltungsmöglichkeiten, nicht der menschlichen Natur.
Die dadurch entstehenden innergesellschaftlichen Spannungen können keinen Nutzen für die Menschen stiften, sondern nur dem Menschen zum Schaden sein.
Jedwede dem Gemeinwohl und der Solidarität mit anderen (schwächeren) Menschen fernstehende Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur führt zu gesellschaftlichen Spaltungen. Sie widerspricht der menschlichen Neigung und Fähigkeit zur Kooperation und seinem natürlichen Bedürfnis nach Sicherheit.
Die Balance findet sich in einem Marktwettbewerb und Entfaltungsraum , der unterschiedliche Leistungsfähigkeiten zu lässt und Unterschiede ermöglicht, aber den Schwächeren und nicht so leistungsstarken solidarischen Beistand garantiert und sie sowohl auffängt, als auch eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Dieser Entfaltungsraum kann sich in wirtschaftlichem oder auch in künstlerisch kreativem Wettbewerb darstellen.
Fairness, Chancengleichheit und Förderung von Leistungsschwachen und Benachteiligten gehört genauso zum Humanismus, wie die Förderung von Spitzenleistungen und besonderen Talenten und Fähigkeiten.
Gesellschaftsstruktur:
Der Mensch braucht von Natur aus Orientierung und einen gewissen Rückhalt in gewohnten, für ihn als sicher empfunden Strukturen. Gleichzeitig benötigt er Raum für Neues und zur Entfaltung seiner Persönlichkeit.
Daher gehört zum evolutionären Humanismus sowohl erhaltende, als auch progressiv erneuernde Elemente.
Alle konservativ bevormundenden, gesellschaftlich tradierten, religiös vorschreibenden oder weltanschaulich verpflichtende Regeln und Vorschriften werden von daher einer kritischen Beurteilung unterworfen und ggf. verworfen. Rücksichtnahme auf überbordende Regeln und Vorschriften, um vorgebliche verletzbare Gefühle der jeweiligen Anhänger nicht zu verletzen, ist falsch verstandene Toleranz und damit keine humanistische Position.
Humanismus ist immer individualistisch, den Menschenrechten und der freien Entfaltung der Persönlichkeit verpflichtet.
Humanismus bedeutet gleichzeitig Rahmenbedingungen zu schaffen und zu erhalten, die den Menschen ermöglicht, Gemeinschaften zu bilden. In denen können sie sich ohne Zwang gemeinsam ihr Leben so einrichten und sich ihrer gegenseitig versichern, wie sie möchten. Dies können sowohl familiäre, religiöse, Interessen bedingte oder weltanschauliche Gemeinschaften sein. Die Förderung gemeinsamer verbindender Elemente, über möglichst viele Individuen und Gruppen hinweg, ist hierbei ein Ziel des Humanismus. Toleranz und gegenseitige Rücksichtnahme ist hierbei selbstverständlich.
Toleranz findet aber ihr sofortiges Ende, wenn Individualrechte verletzt werden. Diese zu schützen geht vor jedweder Befindlichkeit von familiären, religiösen oder weltanschaulichen Ansichten und Praktiken.
Die Positionen zur Gesellschaftstruktur können sich als liberal, aber nicht libertär zusammenfassen lassen.
Die Stellung des Menschen in der Natur und als Bürger eines Landes:
Der Mensch ist evolutionär auf eine intakte Umwelt angewiesen. Daher nimmt der Schutz der Umwelt einen hohen Stellenwert ein, ohne die Umwelt als Selbstzweck zu idealisieren.
Der Mensch als soziales Wesen organisiert sich von Natur aus in Gesellschaften. So ist es das natürliche Recht einer Gesellschaft über die Regeln ihrer Gesellschaft zu bestimmen und den Zuzug in ihre Gesellschaft zu regulieren.
Grundsätzlich profitiert eine Gesellschaft von einer Offenheit gegenüber außenstehenden Individuen bzw. Gesellschaften.
Ebenso ist es natürlich und rechtens, dass eine Gesellschaft sich defensiv wehrhaft verhält, angesichts der natürlichen Fähigkeit des Menschen sowohl zur Aggressivität, als auch zur Friedfertigkeit.
So wie der Mensch von Mensch zu Mensch kooperativ und hilfreich sein kann, ist es humanistisch auch von Gesellschaft zu Gesellschaft kooperativ und hilfreich zu sein - wobei nicht jede Gesellschaft an sich, um ihrer Selbstwillen, unterstützenswert ist. Es sind immer die Menschen einer Gesellschaft, die schützenswert sind.
Menschen an sich sind aufgrund ihres Menschseins gleichwertig und gleichberechtigt. Rassismus ist unter keinen Umständen tolerierbar. Dies gilt nicht für Ideen, Gesellschaftsformen, Religionen oder Weltanschauungen. Jedwede Form von Relativismus, der es hinnimmt, dass Menschenrechte ausgehebelt werden, ist nicht mit dem Humanismus zu vereinbaren.


DW 29.09.2014 Formulierung des Vorstandes und Beschluss des Vereins